Äthiopien

27.Oktober 2015 Von Gedaref/Sudan nach Gondar/Äthiopien
Um 7.00 Uhr in der Früh starte ich in Gedaref. Ich möchte die Grenze nach Äthiopien so früh wie möglich erreichen, damit ich es an diesem Tag noch die 350 km nach Gondar in Äthiopien schaffe. Der Grenzübergang ist putzig. Ich habe das Visum für Äthiopien bereits im Pass. Daher geht es mit den „Customs“ und der „Imigration“ auf beiden Seiten fix. Nach der schlechten Erfahrung in Ägypten war dieser Grenzübergang ein Kinderspiel. Ich komme aus dem Sudan, einem sehr armen Land und fahre nun durch Äthiopien, einem noch ärmerem, einem der ärmsten Länder der Welt. Ich kann es mir eigentlich kaum vorstellen, aber ich nehme es doch auf und neben der Straße wahr. Das erste Benzin kommt dann aus der Kanne.

Eine Kanne Benzin

Im Unterschied zum Sudan betteln in Äthiopien die Kinder und sind unangenehm aufdringlich. Das „Hey, you, you, you! Where are you going?“, wird mich bis an die Grenze im Süden in Moyale begleiten und nerven.

Kids on the road

Doch zunächst freue ich mich auf das Hochland. Grob die Hälfte des Landes, das zu Kaiserszeiten Abessinien genannt wurde, liegt über 1.200 m hoch. Ein Viertel immer noch um die 1.800 m und einzelne Berge übersteigen die 4.000 m-Grenze. Ein Beispiel ist der Mt. Guma (4.231m), den ich auf der Fahrt von Gondar nach Lalibela nördlich passiere und der ein eindrucksvolles Bild bietet. Äthiopien ist das „Dach Afrikas“.
Das Leben findet hier auf und neben der Straße statt. Mir wird auf den Fahrten nicht langweilig. Vor allem muss ich neben den Schlaglöchern auf den staubigen Straßen auch permanent auf Kinder und Tiere aufpassen, die neben, aber auch mitten auf der Straße herumlaufen. Ein Zeichen dafür, dass hier nicht viele Fahrzeuge unterwegs sind. Das fällt mitunter schwer, weil die Aussichten runter in die Täler und auf die Berge meine Aufmerksamkeit magisch anziehen. Die Landschaften hier oben sind umwerfend schön.

Weite Sicht

Es überrascht mich, dass auf 3.500 m immer noch Landwirtschaft betrieben wird. Das Klima ist mit 25 Grad angenehm, die Kurven reichlich. Ideal zum Motorradfahren. Bis sich hinter mir bedrohlich der Himmel verdunkelt. Es riecht nach Regen. Mir gelingt es dem Regen davon zu fahren. Nachdem ich in den Bergen unzählige Höhenmeter absolviert habe, komme ich am späten Nachmittag in Gondar an. Aus dem beschaulichen und armen Hochland erreiche ich eine quirlige Stadt, die 2.100 m über dem Meeresspiegel liegt. Die Stadt und der Bezirk Gondar ist Teil der Region Amhara und amharisch ist die Amtssprache in Äthiopien. Die ehemalige kaiserliche Residenzstadt hat ca. 220.000 Einwohner und mit den Fasilidas Palast-Ruinen ein wunderschönes Unesco-Weltkulturerbe. Ich folge der Empfehlung meines GPS-Gerätes und finde die Fasil Lodge, ganz in der Nähe des Gemp, der mittelalterlichen Festungsstadt. Hier trinke ich mein erstes Bier seit Langem. Ein deutliches Zeichen, dass die vom Islam dominierte Kultur in Ägypten und Sudan hinter mir liegt (vorerst). Wieder einmal geht ein wunderbarer Tag zu Ende. Großes Kino auf dem Hochland von Abessinien!

28. Oktober 2015
Heute steht Sightseeing auf dem Programm. In wenigen Minuten bin ich vom Hotel beim Eingang zum nächsten Weltkulturerbe auf meiner Tour, der Burganlage Fasil Ghebbi, kurz Gemp, aus dem 17. u. 18. Jahrhundert. Ein sonniger Morgen bei angenehmen Temperaturen macht die Besichtigung zu einem Vergnügen. Freundlicherweise darf ich mich der Führung einer Reisegruppe aus Chemnitz anschließen. Die Einmaligkeit der Anlage besteht aus ihrer Vielfalt an Baustilen. Nach Lehmhütten mit Stroh -und Wellblechdächern entlang der Straße, wirkt die Burg auf mich wie aus einer anderen Welt. Dem interessierten Leser empfehle ich für das nähere Kennenlernen des Weltkulturerbes Fasil Ghebbi die folgende Webseite: Fasil Ghebb und die Sendung des SWR „Schätze der Welt, Fasil Ghebbi“ (15 Minuten).

Gondar 1

Um die weiteren Sehenswürdigkeiten Gondars zu besuchen nehme ich das Tuktuk. Das Moped mit Dach auf drei Rädern ist schnell, billig und kommt überall durch, auch da, wo man eigentlich nicht durchkommen kann. Tuktuk fahren ist nicht jedermanns Sache, weil die Fahrer mit hohem Risiko alle uns bekannten Verkehrsregeln außer Kraft setzen. Ich hatte heute viel Spaß daran.

Selassi-Kirche

Die äthiopisch orthodoxe Kirche, die von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde, bietet dem Besucher wunderschöne Wandmalereien aus dem 17. Jahrhundert. Von der Decke schauen geflügelte Engelsköpfe herab. Für nachhaltige Verwirrung sorgt der Aushang vor der Kirche, der die strengen Regeln für den Besuch der Kirche bekannt gibt. Die merkwürdigste der vier „Instructions“ liest sich so: „As per the Church’s rule you are advised not to go inside if you were slept with your spouse yesterday and during manstruation period for ladies“.

SwimmingpoolIm Tal findet man ein 70 x 40 Meter großes Bassin, in dessen Inneren ein kleines Schloss steht. Die Anlage wurde im 17. Jahrhundert erbaut und soll dem Kaiser Fasilidas als Bad gedient haben

29. Oktober 2015
Der Besuch der historischen Stadt Gondar war für mich ein besonders eindrucksvolles Erlebnis und in meinem Hotel „Lodge Fasil“ habe ich mich wohl gefühlt. Das freut‘ auch den Seniorchef, der mich freundlich verabschiedet. Er wünscht mir eine gute Weiterfahrt, die mich zum nächsten Weltkulturerbe führen wird, den Felsenkirchen von Lalibela. Bereits die Fahrt dorthin wird zu einem weiteren Event meiner Tour, zum Traum auf zwei Rädern. Nach jeder Kurve möchte man ein Foto machen. Und es gibt viel Kurven. Es ist eine Fahrt wie durch ein Bilderbuch, mit all den Felsformationen vulkanischen Ursprungs, den Gipfeln und Tälern.

Moped-mit-Finger

Ich fahre östlich am Lake Tana vorbei. Der kurze Blick auf den See, der die Quelle für den Blauen Nil ist, lässt mich an den Abend in Karthoum erinnern, an dem ich mit Modasim und seiner Familie am Zusammenfluss vom Weißem und Blauem Nil stand. Ab hier muss ich ohne den Nil, der großen Lebensader Ostafrikas meinen Weg finden. Erst in Uganda am Viktoriasee, an der Quelle des weißen Arms werde ich ihm wieder nahe kommen.

Für mein Moped und mich geht es nun erst mal Richtung Osten auf der 22, der sogenannten Chinese Road, weiter. Der Name kommt von den Straßenbaufirmen aus China, die fast überall in Ostafrika am Werk sind. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass die Einheimischen die Chinesen nicht so sonderlich mögen. Die Asiaten gewinnen die Bau-Ausschreibungen, weil sie mit Dumpingpreisen ins Geschäft kommen. Die Firmen bringen oft ihre Arbeiter aus China mit, was nicht zu mehr Arbeitsplätzen für die Einheimischen führt. Und die Vermutung, mit dem Bau der Infrastruktur auch den Zugang zu den Rohstoffen Afrikas zu bekommen, liegt nahe. In wieweit bei diesen Geschäften Korruption mitspielt bleibt eine nicht unwahrscheinliche Spekulation. Mir ist es jetzt gerade wurscht wer die Straße baut und in Stand hält, es macht einfach nur Spaß durch dieses gigantische West-Ost-Tal zu cruisen. Die Fahrt geht an einem der höchsten Berge Äthiopiens, dem Mt. Guma, vorbei. Mit 4.231 liegt er grün bewachsen, dominant, aber irgendwie friedlich, südlich von meiner Straße. Überhaupt habe ich auf dieser Strecke das Gefühl eher im deutschen Voralpenland zu sein, als im äthiopischen Hochgebirge. Landwirtschaft, saftiges Grün, Wälder, Dörfer – das alles auf über 3.000 m Höhe. In diesen hohen Lagen wird Gerste, Weizen und Teff angebaut. Letzteres ist eine Hirseart, die für das äthiopische Nationalgericht Injera als „Brotunterlage“ dient. Mir schmeckt es nicht sonderlich.

Was ins Auge fällt ist die Verbreitung des Eukalyptusbaums. Diese Monokultur des Eukalyptusbaums ist die Folge von maßlosen Rodungen in der Vergangenheit. Das Holz dieses schnellwachsenden Baumes wird für den Haus- und Gerüstbau verwendet. Der Duft der Eukalyptuswälder tut gut auf der wunderbaren Fahrt über Berg und Tal und Stock und Stein. In der historischen Stadt Debre Tabor mache ich kurz Kaffee-Pause. Kaum wieder auf dem Moped komme ich an einer Schule vorbei, in der gerade Pause ist. Spontan entscheide ich mich auf den Schulhof zu fahren. Hunderte Schüler in Uniform umringen mich.

Schüler ums Moped

Ich frage nach dem Direktor, der sich schon mit einem breiten Lächeln im Gesicht einen Weg durch die Schüler bahnt. Er lädt mich in sein Büro ein und informiert mich über den Stundenplan und die Projekte seiner Klassen. Bildung ist in Afrika ein hoch relevantes Thema. Der Direktor klagt mir sein Leid was die Lehrer betrifft. Für die hohe Zahl der jungen Menschen gibt es in Äthiopien zu wenig gut ausgebildete Lehrer. Vor dem Abschied erzähle ich den neugierigen Schülern etwas von Deutschland und meiner Reise bis hierher. Nach dem spontanen Besuch in der Schule fallen mir die vielen Schülergruppen noch mehr auf, die in Uniform auf dem Weg zur oder aus der Schule sind. Ich kann nur vermuten, dass sie einige Kilometer laufen müssen. Einmal sehe ich Schüler, die beim Laufen im Buch lesen. Ein anderes Mal, tragen sie sogar ihre Schulbänke selbst.

Schüler-mit-seiner-Bank

Rund 60 Kilometer vor Lalibela ist es vorbei mit dem beschwingten Cruisen. „Offroad“ oder besser „Roughroad“ ist angesagt. Wie schon bei den bedeutenden Sehenswürdigkeiten im Sudan, muss man sich auch hier das Weltkulturerbe hart erarbeiten. Die meisten Touristen kommen mit dem Flugzeug nach Lalibela. Meinem Moped macht es spürbar Spaß mal wieder vom Asphalt runter zu kommen. Für mich ist es schweißtreibend anstrengend. Die Landschaft und die Bilder belohnen mich aber für jeden Tropfen. Es ist später Nachmittag, außer mir ist keiner unterwegs.

Landschaft

Ich passiere einsame weitläufige Tallandschaften mit wenigen kleinen Hüttendörfern, treffe auf  einzelne Kinder, die erst mit großen Augen auf mich und mein Moped schauen und dann losschreien „Hey, you, you, you!“. Und ich fahre an Hirten vorbei, die sich mit ihrem Vieh und mir den Geröllweg teilen. Aus dem Eukalyptus-Duft ist Staub geworden. Bevor ich so richtig müde werde, komme ich in Lalibela an. Ich belohne mich mit einem Hotelzimmer, mit Blick auf das weite Tal und dem Sonnenuntergang inklusive.

30. Oktober 2015
Die Felsenkirchen machen aus Lalibela eine heilige Stadt und einen Wallfahrtsort. Elf Gotteshäuser wurden vor ca. 900 Jahren jeweils als Monolith aus einem großen Fels herausgearbeitet. Zum Teil haben sie 800 qm Grundfläche und einige sind zehn Meter hoch. Damit gehören die Kirchen zu den größten von Menschen aus Stein gehauenen Objekten der Welt. König Lalibela wollte damals ein zweites Jerusalem bauen. Bis heute finden hier Gottesdienste statt. Äthiopisch-orthodoxe Christen pilgern hierher und Einsiedler-Mönche leben in den Höhlen des Tuffstein-Felsens. Eine 15 minütige TV-Dokumentation erzählt die Geschichte von Lalibela.

St.-Georg-4

Das rote Gestein gibt diesem mystischen Ort eine besondere Atmosphäre, vor allem wenn die untergehende Sonne darauf scheint. Frühmorgens an der Kasse habe ich Ursula aus München getroffen, mit ihr und ihrem Guide verbringe ich den Tag auf dem heiligen Felsen. Ursula ist bei Reggae-Kennern bekannt als ‚Munchy von Reggaeville‚.

Ursula hat hier einen wunderbaren Bericht mit tollen Fotos über unseren gemeinsamen Tag in Lalibela geschrieben: Munchy in Ethiopia

Ich werde sie nochmal in Shashamane treffen, dem „gelobten Land“ der Rastafaris in Äthiopien. In Lalibela schenkt mir ein siebzehnjähriger Junge, der einmal Gästeführer für deutsche Touristen werden will, ein Holzkreuz, das mir auf der weiteren Tour Glück bringen soll. Er und sein Freund nehmen uns um die Mittagszeit mit in ihr Haus. In einem kleinen Verschlag, in dem wir auf die alte Mutter und die noch ältere Großmutter treffen, wird nach der Zeremonie Kaffee gereicht.

zu Hause 2

So bekommen Ursula und ich einen Einblick in die einfache und beengte Lebensweise der Menschen hier. Tief beeindruckt und nachdenklich verlassen wir das Haus und gehen einem Sonnenuntergang über einem roten Felsen entgegen, aus dem der heilige König Lalibela elf Kirchen herausarbeiten ließ. Bilder, die für immer in meinem Gedächtnis bleiben.

31. Oktober 2015
Ich verlasse Lalibela in dem Bewusstsein, dass dieser heilige Ort einer der Höhepunkte meiner Tour bleiben wird. Es ist Samstag und Markttag in der Stadt. Das hat zur Folge, dass mir auf den nächsten 60 km hunderte Menschen mit Horden von Tieren begegnen, die alle zum Markt streben, ob sie wollen oder nicht. Das Wetter meint es gut mit mir – Sonne, nicht zu warm, klare Sicht. Es ist ein perfekter Morgen auf einem für mich perfekten Motorrad.

Wir beide haben viel Spaß auf der Geröllstrecke, die oft kurvig durch eine faszinierende Landschaft führt. In meinem Tagebuch werde ich abends den Satz formulieren „Offroad vom Feinsten. Tränen vor Glück.“

View3

Auch ein leichter Umfaller an einem Steilstück kann die Hochstimmung unterm Helm nicht trüben. Ich habe mich bei der Wahl, eine Ziege umzufahren oder das Motorrad zur Seite fallen zu lassen, für Letzteres entschieden. Sofort waren starke Männer zur Stelle, um dem Moped und mir wieder auf die Beine zu helfen. Meine GoPro-Kamera, die ich auf meinem Helm installiert habe, nimmt das Missgeschick auf und gibt einen Eindruck von der Strecke:

Außer einer gerissenen Schlaufe am Tankrucksack ist zum Glück nichts passiert. Die Schlaufe ist im nächsten Ort vom Schuhputzer genäht worden. Jetzt sitzt sie fester denn je. Wieder auf der Asphaltstraße, biege ich auf die Straße Nr. 1 nach Süden ab. Über eine schöne, kurvige Strecke, die uns auf 2.000 m Höhe durch eine bergige Landschaft führt, lasse ich den Tag auf den letzten 100 Kilometern ausrollen. In Kembolcha, nahe der größeren Stadt Dessie, steige ich in einer Unterkunft ab oder besser gesagt, komme ich in einer Absteige unter. Beim Sortieren der Tagesausbeute an Foto- und Filmmaterial wird mir klar, dass ich dem Erlebten so langsam davonfahre. Es fällt mir und meinem Tagebuch schwer den Anschluss an die Vielzahl der Ereignisse zu halten. Meist nutze ich die Zeit abends, um mich auf den nächsten Tag vorzubereiten, da bleibt die Dokumentation des vergangenen Tages oft auf der Strecke. Ich werde später auf Zanzibar hoffentlich die Zeit und Muße haben, mich an alles zu erinnern und die Tourerlebnisse auf den aktuellen Stand zu bringen.

Heute Abend kann ich die Car-Wash-Anlage in der Nachbarschaft meiner Unterkunft nutzen, um den gröbsten Dreck am Moped weg zu spritzen. Da es in der Nacht heftig regnet und der erste Teil der Strecke am nächsten Morgen durch Matsch führt, war die Mühe umsonst.

1. November 2015
Die Car-Wash Anlage ist auch eine beliebte Tankstelle für Tuktuks, wie man auf dem Foto sehen kann:

Tuktuk Tanke

Nach der morgendlichen Rutschpartie durch den Matsch, wird die Fahrt im Laufe des Tages immer besser. In Senbete besuche ich einen riesigen Wochenmarkt auf dem sich die Menschen aus den unterschiedlichen Landesteilen treffen und handeln.

Senbete

Den Höhepunkt erreichen wir im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Tarnaber-Pass bei Debre Sina. Ca. 150 km vor Addis Ababa liegt der Pass auf 3.230 m Höhe. Es ist für mein Moped und mich die höchste Stelle auf dem Gebirgszug, der zugleich der westlichen Rand des großen afrikanischen Grabenbruchs ist. Hier oben wird es kühl. Für kurze Zeit zeigt das Thermometer nur 9° C  an. Oben auf der Passhöhe treffe ich auf fünf orthodoxe Priester, die mir für 50 Äthiopische Birr (umgerechnet 2 Euro) ihren Segen erteilen. Den nehme ich gerne an und freue mich anschließend auf eine dynamische Abfahrt.

4 Priests

Bevor ich mein Tagesziel in Addis Ababa erreiche, verbringe ich meine Rast bei einer original äthiopischen Kaffee-Zeremonie mit frisch gerösteten, gemahlenen und gekochten Kaffeebohnen. Mehr aus Neugier, als aus Hilfsbereitschaft, mahle ich meinen Kaffee selbst. Die Kaffee-Zeremonie ist in Äthiopien Bestandteil des sozialen und kulturellen Lebens, der Rohstoff Kaffee ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Kaffee-Zeremonie-3

In Addis angekommen finde ich schnell das Guesthouse, welches mir Ursula „Munchy“ mir empfohlen hat. Ich halte mich in der Hauptstadt Äthiopiens jedoch nicht lange auf. Die Stadt, die mit dem Sitz der Afrikanischen Union auch als inoffizielle Hauptstadt Afrikas angesehen wird, ist für mich nur eine Durchgangsstation. So richtig was zu sehen gibt es nicht und ich bevorzuge eher das weite hohe Land als die laute und enge Stadt.

Schon am nächsten Morgen geht es weiter Richtung Süden. 200 Kilometer von Addis entfernt möchte ich am Lake Langano mein Zelt aufschlagen. Der Langano ist eines der wenigen Binnengewässer in Afrika, in dem das Baden ungefährlich ist. Aufgrund seines hohen Sodagehalts ist er bilharziosefrei. So richtig Spaß macht das Schwimmen in der rotbraunen seifigen Brühe aber auch nicht. Ich finde einen wunderbaren Zeltplatz direkt am See.

CampingAls einziger Gast wird mir und meinem Motorrad die uneingeschränkte Aufmerksamkeit der Menschen dort zuteil. Man ist nie alleine in Afrika! Ob in der Wüste oder im Hochgebirge, immer erscheinen aus dem Nirgendwo Kinder, Jugendliche oder Erwachsene. Sie poppen auf wie aus dem Nichts und stehen plötzlich vor Einem. Hier in Äthiopien wird sofort gebettelt. „Pen“ ist wohl das Wort, das Kinder noch vor „Mama“ können. Die alten Herren, die mir beim Zeltauf- und -abbau zuschauen, sind stille Beobachter und lassen mich in Ruhe. Die Nacht im Zelt ist unruhig und kurz. Ich stehe früh auf und genieße den Sonnenaufgang hinter dem Gebirge, dass auf dem gegenüberliegenden Ufer des Sees liegt.

Fischer-aufm-See

Ein Fischerboot ist schon auf dem Wasser. Das ist eine wundervolle Einstimmung in einen weiteren Tag meiner Tour, die nun schon fünf Wochen dauert. Ich freue mich sehr, dass bislang alles so reibungslos verläuft.

3. November 2015
Vom Lake Langano ist es nicht weit nach Shashamane, dem gelobten Land der Rastafari. Viele Einwohner sind Angehörige der Rastafari-Bewegung und stammen ursprünglich aus Jamaika. Hier grooved der Reggae und die Menschen sind high. Shashamane scheint eine rechtsfreie Zone für den Konsum von Mariuhana zu sein. In der Zion Train Lodge treffe ich den smypathischen 14-jährigen Michel, dem in seinem ganzen Leben noch nie die Haare geschnitten wurde, wie mir seine Mutter versicherte.

Michael-Portrait

Das Alter von Nachwuchs-Rastafari Michel ist allerdings nicht repräsentativ für den Durchschnitt. Nach meinem Eindruck werden in Shashamane die Dreadlocks inzwischen sehr grau und die Rastas alt. Der grün, gelb und rot gefärbte Ort mit der Hanfpflanze als Symbol, hat schon bessere Zeiten gesehen. In der Lodge treffe ich zufällig Munchy (Ursula) nochmal, die in Shashamane quasi auf Dienstreise ist. Danach mache ich mich auf den Weg nach Awassa, einer nahegelegenen Stadt. Am gleichnamigen See soll es eine wunderschöne Strandpromenade geben. Dieses Ziel möchte ich mir nicht entgehen lassen. Der Awassa-See liegt im Ostafrikanischen Grabenbruch. Er ist Teil einer Seenkette, die sich durch das Rift Valley zieht.

Hawassa

Was nach dem fangfrischen Fisch an der beschaulichen und wirklich wunderschönen Strandpromenade in Awassa folgt, ist für den Motorradfahrer anstrengend und ermüdend. Ganz unerwartet verändert sich die Straße in eine ewig lange Baustelle, in eine Geröllpiste und in einen regelrechten Acker. Ich kann nur im ersten Gang fahren, meist im Stehen und habe das Gefühl, ich komme nicht vom Fleck. So geht das über 50 Kilometer. So macht Motorradfahren keinen Spaß und ich bin sehr froh, dass ich in Dila schnell ein relativ gutes und günstiges Hotel finde und mich von dieser wirklich anstrengenden Etappe erholen kann. Man versichert mir, dass der Belag der Straße kurz nach Dila besser werde und eine durchgängige Fahrt auf Asphalt bis zur Grenze nach Kenia sicher ist. Am Abend im Hotel komme ich mit Hailemelekot ins Gespräch. Der äthiopische Wissenschaftler und Journalist empfiehlt mir,  unbedingt die nahegelegenen 800 Jahre alten Megalith-Stelen von Chelba Tutiti zu besuchen. Am nächsten Morgen folge ich seinem Rat und fahre zu einer Art Stonehenge of Afrika. Ich fühle mich ein wenig wie Indianer Jones. Nach 3,5 km Fahrt durch den Busch kommt man zu einer Lichtung, auf der bis zu 7 Meter hohe Megalithsteine von Menschenhand aufgestellt wurden. Nach welchem Prinzip die zum Teil verzierten Steine vor 800 Jahren „gepflanzt“ wurden, erschließt sich mir nicht. Man hat den Eindruck, dass noch kein Tourist da war. Das Feld ist für die Eingeborenen selbst hier nichts Besonderes. Der Genius Loci erfasst mich plötzlich und ich spüre, dass ich an einem besonderen Ort bin. Danke, für diesen Tipp, lieber Hailemelekot. Wenn ich zu Hause bin, werde ich in die Literatur dazu eintauchen, um das Geheimnis dieser Zeugen aus einer anderen Zeit zu erforschen.

Tituti Moped

Das Versprechen der Leute in Dila, dass die Straße besser wird, wurde gehalten. Auch die Landschaft wird wieder grüner. Hohe Termitenhügel links und rechts der Straße fallen mir auf. So langsam heißt es Abschied zu nehmen von einem sehr beeindruckenden Land. Ich hoffe, ich werde nochmal wiederkommen können in das Land, in der die Wiege der Menschheit stehen soll und das soviel für den Touristen zu bieten hat.

Auf den letzten Kilometern noch einige Gedanken zu Äthiopien:
Äthiopien ist eines der ärmsten Länder überhaupt. Soviel steht fest. Doch wie ist das Land mit den vielen Kontrasten und Überraschungen, das weder arabisch noch afrikanisch ist, bzw. sein will, näher zu bestimmen? – Who knows? Die Äthiopier sind mit Recht stolz auf Ihre Kultur. Lalibela war für mich ein Highlight. Die Landschaften, vor allem im Hochland, sind atemberaubend schön. Das Land hat nach meinem Empfinden schöne Menschen und mit Gondar und Tutiti (u.v.a.) besondere und zum Teil mystische Orte.
Addis Abeba wächst schnell, vielleicht zu schnell. Die Afrikanische Union hat ihr Headquaters in der Hauptstadt Äthiopiens. Der äthiopisch orthodoxe Glaube ist fest. Der Islam breitet sich aus. Die Rastafaris in Shashamane werden älter und der Nachwuchs fehlt. Äthiopien ist für mich ein Land wie eine Insel, nur ohne Küste. Mit verklärtem Blick auf das Hochland kann ich sagen: „Äthiopien? I am still confused, but only on a higher level!“ Ich wünsche den Äthiopiern, dass sie das Chancenpotenzial, das die Jugend demografisch birgt, nutzt. Ob sie es wollen und können? –  Who knows?

Schade, dass ich nur ein paar Tage Zeit hatte, um dieses Land kennen zu lernen.

„Hey! – You, you, you! – Where are you going?“

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